Der zweiten Weltkrieg

Wie die Holländer den zweiten Weltkrieg erfuhren
und die Deutschen die Realität verdrängten.

Einleitung

Immer wieder muss ich feststellen, dass insbesondere jüngere Leute nicht wissen, wie die Niederländer den zweiten Weltkrieg erlebt haben, oder sogar ganz falsche Vorstellungen über diese Zeit vermittelt bekommen. In deutschen Schulbüchern wird dieser Teil der Geschichte kaum erwähnt und vielen Schülern wird der falsche Eindruck vermittelt, dass die Niederlande obwohl sie von Deutschland besetzt waren, trotzdem Herr im eigenen Hause blieben. Holland sei neutral gewesen, so heißt es, doch nichts ist weniger war! Deswegen möchte ich hier eine kurze Übersicht schreiben über die wirkliche Situation während der Kriegsjahre in den Niederlanden, um so für mehr Verständnis für das heutige Verhalten einiger Niederländer gegenüber Deutschen zu werben. Der Holocaust , die Vernichtung der Juden, war ein schweres Verbrechen, aber auch gegen ihre nicht-jüdischen Nachbarn haben die Deutschen sich auf schlimmste Weise vergangen. Bei vielen Holländern bleibt es eine unvergessliche Erfahrung, ein Trauma, das sie nie wieder loslassen wird.

 

Bombardierung von Rotterdam 1940

Die deutsche Wehrmacht griff die Niederlande in den Morgenstunden des 10. Mai 1940 an. Um vom Geschehen am Boden abzulenken, drangen zunächst Maschinen der Luftwaffe in den niederländischen Luftraum ein, vermeintlich auf dem Flug nach England. Sie kehrten jedoch über der Nordsee um und griffen Den Haag an. Die Invasion verlief für die Angreifer erfolgreich. Dennoch war der Widerstand der „Festung Holland“ erheblich. Am Abend des 13. Mai 1940 befahl das Armeeoberkommando der 18. Armee, den „Widerstand in Rotterdam mit allen Mitteln zu brechen“. Am 14. Mai befahl die Führung der Wehrmacht einen Luftangriff auf Rotterdam, der unmittelbar darauf erfolgte.

 

Die Bombardierung von Rotterdam 1940 durch die deutsche Luftwaffe fand am frühen Nachmittag des 14. Mai 1940 statt, zerstörte die komplette Altstadt und führte unmittelbar zur Kapitulation der niederländischen Regierung. Zwischen 800 und 900 Rotterdamer Bürger verloren ihr Leben, 24.978 Wohnungen, 24 Kirchen, 2320 Geschäfte, 775 Lagerhallen und 62 Schulen wurden zerstört. Eine Fläche von 2,6 Quadratkilometern war binnen weniger Minuten dem Erdboden gleichgemacht worden. Als in der Folge dieses Angriffes der Stadt Utrecht das „gleiche Schicksal angedroht worden war, falls ihr Kommandant nicht kapituliere“, gaben die niederländischen Streitkräfte auf.

 

 

Deutsche Flugzeuge und Luftlandungstruppen über den Haag.

 

 

 

 

 

Schlecht bewafnete Niederländische Soldaten bieten mutig Wiederstand in einer ungleiche Streit.

 

 

 

 

Die Niederländischen National Sozialisten (NSB)

In den Niederlanden war 1931 die NSB gegründet worden. Es war eine kleinere politische Partei, die Hitlers Ideen für gut hielt. Bei den letzten Wahlen vor 1940 konnte die Partei etwas mehr als 4% der Stimmen auf sich vereinigen. Diese kleine Gruppe Niederländer war erfreut über den deutschen Einmarsch und Kapitulation am 15. Mai 1940.

 

NSB-er marchieren durch Amsterdam

 Am Anfang wuchs die Zahl der Mitglieder, aber eine große Anhängerschaft konnte sie sich nie erwerben. Im Mai 1940 hatte die NSB 30.000 Mitglieder, diese Anzahl stieg auf 80.000 Ende 1941 und 100.000 Mitte 1943. Ab Mitte 1943 bis zum Ende des Krieges verminderte sich die Zahl der Mitglieder wieder auf 80.000. Der verbreitete Eindruck, dass die Mehrheit der Niederländer mit die Besatzung einverstanden und darüber glücklich waren, stimmt also absolut nicht!  In den Niederlanden wurden die NSB-Mitglieder als Landesverräter angesehen. Es hatte aber auch Vorteile, NSBer zu sein. NSBer bekamen z.B. leichter Arbeit vermittelt. Die Wehrabteilung der NSB, die so genannte WA, paradierte provozierend in schwarzen Uniformen. Sie hatten ein Art Polizeiaufgabe übertragen bekommen und wurde fast noch mehr gehasst als die Deutschen selbst.

The Battle of Britain

Obwohl dieser Teil des Krieges nicht direkt etwas mit der Situation in den Niederlanden zu tun hat, möchte ich nicht versäumen, (da auch hier die Geschichtsbücher große Lücken aufweisen,) die Luftschlacht um England zu erwähnen, die am 10. Juli 1940 anfing und bis Oktober 1940 anhielt. Auch in den Niederlanden hörte man von den deutschen Terrortaten, zuerst über Zeitungsberichten oder das Radio (u.a. die Propaganda-Sendungen des deutschen Nachrichtenbüros), aber auch durch den nächtlichen Lärm der überfliegenden Bomber. London wurde 57 Nächte hintereinander von den Deutschen bombardiert, zehntausende Male gab es Feuer und mehr als eine Million Häuser wurden verwüstet oder schwer beschädigt.

Auch andere Städte, wie Liverpool und Coventry wurden getroffen. Insgesamt fielen während des "Blitz"es 190.000 Tonnen Bomben auf London, etwa 100.000 Menschen wurden getötet oder verwundet. Es darf nicht verwundern, dass England dies vergelten wollte, was dann auch in 1942 (Köln) und 1943 (Hamburg) der Fall war.

 

Die Zeit der Besatzung verlief in 4 Phasen

Die erste Phase der deutschen Besatzung war von äußerlicher Ruhe gekennzeichnet. Die deutschen Besetzer hielten sich zurück und die meisten Niederländer 0versuchten das tägliche Leben so normal wie möglich zu gestalten. Doch schon am 17. Juni 1940 wurden primäre Lebensmittel, sowie wichtige Dinge des täglichen Lebens rationiert. Die Schuhproduktion beispielsweise arbeitete jetzt in erster Linie für das Militär, so dass im Laufe des Jahres 1942 ein großer Mangel an Schuhen bei der Zivilbevölkerung auftrat. Der Geburtstag von Prinz Bernhard, im Juni 1940, wurde von der Bevölkerung begeistert gefeiert, eine Demonstration für die ins Ausland geflüchtete königliche Familie. Dies war eine peinliche Situation für die Deutschen und die NSB, die mit strengen Maßnahmen drohten, wenn sich solche Feierlichkeiten zum Geburtstag der Königin oder der Prinzessin wiederholen sollten.

Ab diesem Moment war es auch verboten rot-weiß-blaue Radfähnchen zu führen oder Schmuck mit einem Bildnis der Königin zu tragen. Auch Bilder der königlichen Familie in öffentlichen Gebäuden und Schulen wurden nicht länger geduldet. Im Juli 1940 begann Radio-Orange mit der Ausstrahlung von Sendungen aus London. Das Abhören des Senders wurde unter Strafe gestellt. Anfang Januar 1941 wurden die Niederländer, die ganz oder teilweise Juden waren, verpflichtet, sich registrieren zu lassen. Beamten brauchten einen "Ariernachweis".

Die zweite Phase begann im März 1941. Der Protest der Niederländer gegen die ersten Razzien bei Juden und deren Abtransport aus Amsterdam, verschärfte die Reaktion der Besatzung. Der Sicherheitsdienst (zum Einholen von Informationen) und die gefürchtete Sicherheitspolizei waren inzwischen Aufgestellt worden. Die Irritation der Bevölkerung nahm zu und der organisierte Widerstand breitete sich langsam aus.

Eine zweite Deportation jüdischer Männer fand im Juli 1941 statt. Die niederländische Bevölkerung wurde verpflichtet Haushaltsgegenstände aus bestimmten metallen für die deutsche Industrie abzuliefern, und die gesamte niederländische Nordseeküste wurde zum verbotenen Gebiet erklärt. Dort ansässige Familien wurden zur Evakuation gezwungen. Auch meine Familie und ich, mussten von Scheveningen in eine Wohnung am Rande von Den Haag umziehen und dann, nur 5 Wochen später, erneut übersiedeln in ein schlechteres Stadtviertel, in eine alte, unbequeme, feuchte Wohnung. Einen Schadensausgleich gab es natürlich nicht und auch Baumaterialien, wie neue Fußböden, waren auf dem freien Markt nicht mehr zu bekommen. Ältere Ehepaare wurden oft bei Leuten auf dem Lande einquartiert, so auch meine Großeltern, die von Scheveningen nach Opheusden transportiert wurden. Sie waren ihr ganzes Leben lang noch nicht verreist und kamen nun plötzlich in eine ganz fremde Umgebung, weit entfernt von ihren Kindern, so dass sie auch auf die regelmäßigen wöchentlichen Besuche verzichten mussten.

Ab Mai diesen Jahres, wurden die Juden gezwungen einen gelben David-Stern zu tragen. Die ersten Judendeportationen nach Auschwitz und anderen Orten begannen. Schon zu Beginn der Besatzung wurden Arbeitslose und Studenten zum Arbeitseinsatz in der Kriegsindustrie in Deutschland verpflichtet. Später, ab März 1942, mussten auch geschulte Arbeitnehmer gezwungener Maßen in Deutschland arbeiten. Im September 1942 wurden die silbernen niederländischen Münzen aus dem Verkehr gezogen und durch Zinkmünzen mit germanischen Abbildungen ersetzt.  Der Widerstand wuchs und organisierte sich. Bahngleise wurden demoliert und Ausgabebüros für Distributionsbons überfallen. Schwere Strafen waren die Folge, Inhaftierungen und sogar Exekutionen waren kein Einzelfall.

Die dritte Phase begann im April / Mai 1943. Juden waren im ganzen Land nicht länger geduldet und mussten sich zum Abtransport melden. Unruhe breitete sich im ganzen Land aus und in vielen Betrieben gab es Streiks und Arbeitsunterbrechungen. Die Besatzung verkündete das Polizei-Stantrecht. Festgenommene Streikende wurden ohne weiteres zum Tode verurteilt.

Untergetauchte versteckten sich oft in einem Loch unter dem Fußboden, aber viele wurden während Razzien entdeckt und abtransportiert oder bei eventueller Flucht einfach erschossen.

 

Sofortige Exekutionen fanden statt. An einem Tag wurden 80 standrechtliche Todesurteile vollzogen und 95 Personen ohne Prozess erschossen. Tausende wurden verhaftet. Der Streik war damit gebrochen, die Unruhe aber blieb und die deutschen Behörden verschärften wiederum ihr Vorgehen. Im Mai mussten Radios eingeliefert werden. Der Widerstand unter der Bevölkerung nahm weiter zu. Man dachte, dass die Besatzung nicht mehr lange dauern könnte und man erfuhr über Radio-Oranje, oder aus illegalen Zeitungen von den Verlusten der Deutschen. Am 9. September 1943 war die Landung der Alliierten bei Salerno.

Im Januar 1944 gelang es russischen Truppen die Deutschen aus Leningrad zu verjagen. Im Juni 1944 fand die Landung der Alliierten an der Küste der Normandie statt. Im August 1944 wurde Paris befreit .u.s.w. Der organisierte Widerstand (die sog. "Knokploegen") verübten fast täglich Attentate auf Büros zur Bevölkerungsregistrierung und setzten Brände. Das Ziel war die Vernichtung der Bevölkerungsakten, um die erzwungenen Arbeitseinsätze zu erschweren. Viele Männer wollten sich nicht am Arbeitseinsatz beteiligen und waren untergetaucht, entweder auf dem Lande bei Bauern oder bei Bekannten in der Stadt. Bei mehreren Überfällen auf öffentliche Gebäude wurden tausende von Distributionskarten und unausgefüllte Identitätskarten (Ausweise) gestohlen, um den Lebensunterhalt von Untergetauchten zu sichern.
 

Razzia

Ein Wort, das viel beinhaltet, das man aber erst selbst erlebt haben muss, um einigermaßen verstehen zu können, was es bedeutet. Als kleiner Junge war ich ein paar mal Augenzeuge einer Razzia und das hat mich sehr beeindruckt. Sie verliefen folgendermaßen: Plötzlich fuhr eine Kolonne Militär-LKWs, mit schwer bewaffneten Soldaten in die Straße. An allen Ecken des Viertels legte sich ein Soldat hinter sein Maschinengewehr. Die übrigen Soldaten begannen entlang den Straßen alle Häuser zu durchsuchen. Es wurde laut geklingelt. Zwei Soldaten betraten die Wohnung und fingen an, ungefragt, alle Räume zu durchsuchen. Sie schauten hinter Vorhänge, in Schränke, u.s.w., klopften an Wände und schossen durch die Wände hinter denen sie Hohlräume vermuteten. Sie schrieen laut und gingen wieder fort. Auch auf der Straße wurde laut geschrieen und ab und zu hörte man einen Schuss, wenn ein Untergetaucherter zu fliehen versuchte. Es war eine furchtbare Erfahrung. entdeckte Männer wurden zusammengeführt und in einen LKW geladen, danach abtransportiert. Frauen und Kinder blieben klagend und schimpfend zurück.  

Insgesamt wurden ohne die vom Holocaust betroffenen niederländischen Juden etwa 550.000 Personen aus den Niederlanden zum größtenteils erzwungenen Arbeitseinsatz nach Deutschland verbracht. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls Gerben van den Berg, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, der in der Vereniging van ex-Dwangarbeiders Nederland in de Tweede Wereldoorlog mitarbeitet und seit vielen Jahren Unterlagen über den Reichseinsatzsammelt, auswertet und archiviert. Die Zahl der Zwangsarbeiter, die in Deutschland zwischen 1940 und 1945 ihr Leben verloren, schätzt er auf mindestens 35.000.

 

Die vierte Phase verlief von September 1944 bis zum Ende des Krieges. Sie dauerte 8 Monate. Es waren Monate geprägt von Kälte und Hunger, von Demütigung und Terror, von Razzien, Raub und gesetzlicher Willkür. Der Widerstand hatte am 1. Oktober im Dorf Putten einen deutschen Offizier erschossen. Es folgte eine Razzia, bei der alle ansässigen Männer im Alter zwischen 18 und 30 Jahren verhaftet und abtransportiert wurden. Nur wenige kehrten zurück. Im Oktober und November fanden in Rotterdam, Utrecht, Amersfoort, Schiedam und Den Haag erneut Razzien statt.

Man brauchte Arbeiter, um ein letztes Verteidigungswerk gegen die Alliierten zu errichten, den sog. Westwall. Es gelang nicht die erforderlichen Arbeiter über die niederländischen Behörden zu bekommen und deshalb wurde Gewalt eingesetzt. Der Stadt Apeldoorn drohte man sogar mit einem Bombenangriff. Um Ihren Forderungen Kraft zu verleihen, erschossen die deutschen Soldaten eine Anzahl gefangen genommener Mitglieder des Widerstands und andere Menschen, die sich versteckt gehalten hatten. Die Leichen wurden an Straßenecken abgelegt. Verängstigt und beeindruckt meldeten sich in den darauf folgenden Tagen 11.000 Männer. Während des Krieges wurden insgesamt 6.000 Widerständler getötet. Inzwischen waren am 14. September 1944 die Stadt Maastricht und am 27. September Helmond und Oss in der Provinz Brabant, im Süden der Niederlande, von den Alliierten Truppen befreit worden. Die Befreiung, so meinte man im Westen des Landes, konnte nun nur noch eine Sache von Tagen sein. Wir waren heilfroh und feierten schon.

Die deutschen Soldaten gerieten in Panik und versuchten mit gestohlenen Autos, Fahrrädern oder Pferden in die Heimat zu fliehen. Aber, man hatte zu früh gefeiert. Das Ziel der Alliierten den Rhein und andere große Flüsse zu überqueren misslang, durch Fehlstrategien und großen Widerstand der deutsche Truppen, die ihre Disziplin wieder gefangen hatten und beauftragt waren, bis zum letzte Mann zu kämpfen. Es fanden schwere Kämpfe statt, die viele Opfer, auch unter der Zivilbevölkerung, fragten. Die Kämpfe endeten, auch schon wegen der schlechten Witterungsverhältnisse, in der Mitte der Niederlande. Es war eine militärische Pattsituation entstanden. Um das Vorrücken der Deutschen und deren Transport von Munition und anderen Materialien zu erschweren, wurde ein Bahnstreik organisiert. Alle Mitarbeiter der niederländischen Bahn erschienen nicht zur Arbeit. Maschinisten und das übrige Personal musste daraufhin untertauchen. Im Oktober 1944 wurde die ganze Provinz Brabant befreit und im November die Provinz Zeeland. Erst im März des darauf folgenden Jahres gelang es den Alliierten den Rhein bei Remagen zu überqueren und erst im März / April werden die östlichen und nördlichen Provinzen befreit, ausgenommen die Watteninseln und Delfzijl an der Ems. Am 30. April beging Adolf Hitler Selbstmord und am 6. Mai war der Krieg für die Niederlande vorbei, die Deutsche Armee hatte kapituliert.

 

Hungerwinter

"Schlange stehen" für das Wenige das mit Distributions-Bons noch zu bekommen war und Essen aus der "gaarkeuken" so sah der Alltag aus.

Der Bahnstreik brachte den Deutschen natürlich Probleme, aber möglicherweise brachte er der niederländischen Bevölkerung noch mehr Probleme.

Denn der Transport von Lebensmittel, Steinkohl und anderen lebensnotwendigen Dingen wurde mit ihm ebenfalls unterbunden. Es entstand Nahrungsmangel, die Öfen konnten nicht mehr beheizt werden und die Gas- und Elektrizitätswerke mussten ihre Arbeit einstellen, so dass auch Gas zum Kochen und Elektrizität zur Beleuchtung fehlten. Alle anderen transportmittel außer der Bahn, nutzte die Besatzung für ihre Truppentransporte. Übrigens gab es schon direkt nach Beginn der Besatzung kein Benzin für private PKW 's, Taxen und Busse mehr.

Aus Not versah man einige Gefährte mit Generatoren, einer Art großem Holzofen, die am Heck oder auf dem Dach befestigt wurden. Da die Menschen im Westen des Landes auch in den vorangegangen Jahren nicht ausreichend gut ernährt worden waren, wurde nun eine Katastrophe ausgelöst, die man miterlebt haben muss, um sie verstehen zu können. Darum beschreibe ich die Vorkommnisse hier etwas ausführlicher.

Zu Beginn war die Situation noch erträglich. Es gab schon längere Zeit sog. "Centrale keukens" ( zentrale Küchen), die nur von einigen Hilfsbedürftigen genutzt wurden, doch jetzt war auf einmal die ganze Bevölkerung der Westprovinzen auf diese Institution angewiesen. Einmal am Tag, später nur einmal in der Woche, erhielt eine Familie, gegen spezielle Essenbons eine Art Eintopf oder Suppe. Es waren kleine Portionen von einer miserablen Qualität. Viel Kohl, wenig Kartoffeln, kein Fleisch und kein Fett. Man musste in langen Schlangen warten, bis man endlich an die Reihe kam.

Wir, als Kinder stürzten uns auf die leeren Behälter, um mit einem Löffel oder mit unseren Hände die letzten Reste heraus zu kratzen, um damit unser Hungergefühl, das immer da war, zu lindern. Mit den Bezugsscheinen konnte man nun kaum noch etwas bekommen. So hatten wir für unsere ganze Familie nur ein halbes Brot für eine ganze Woche zur Verfügung. Wir ernährten uns von Tulpenzwiebel und Zuckerrüben. Am Anfang versuchten wir die Zwiebeln zu backen und die Rüben zu kochen, aber da es später auch keine Kohle für den Herd gab, mussten wir die Rüben einfach roh essen.

Wir hungerten und verloren an Gewicht. Eine neue Krankheit trat auf, Hungerröteln. Die Menschen bekamen dicke Beine und Bäuche und es starben in diesem Winter viel mehr Menschen als in einem normalen Winter. Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die auf einmal hinfiel und tot liegen blieb. Auch viele Kinder haben diesen Hungerwinter nicht überlebt und auch für mich hätte er nicht länger dauern dürfen. Mein Vater hatte sich während der Kriegsjahre nicht zum Arbeitseinsatz gemeldet. Tagsüber war er meist außer Haus und im November zog er mit einem Freunden und einem Handkarren in Richtung befreite Gebiete, um zu versuchen etwas Essbares bei Bauern zu erhalten und wenn möglich mit nach Hause zu bringen. Sie waren nicht die Einzigen, die so loszogen, denn es waren Tausende unterwegs auf dem so genannten "Hungerzug".

Die meisten deutschen Soldaten ließen dies durchgehen. Doch einige Offiziere hielten es für notwendig Kontrollen einzurichten und dann mussten die erworbenen Lebensmittel, ein kleines Stück Speck, ein bisschen Mehl oder ein paar Kartoffeln, zurückgelassen werden. So kam auch mein Vater erst Wochen später zurück, nur mit einem kleinen Stück Speck, das er vor einer Kontrolle hatte retten können. 

Mit knapper Not, habe ich den Hungerwinter überlebt.

Es gab nicht nur Hunger in diesem Winter, es war auch erbärmlich kalt. Ohne Heizung blieb einem nichts anderes übrig als im Bett zu bleiben oder sich in Decken gehüllt nebeneinander zu kauern. Die Schulen waren schon lange geschlossen, weil die Lehrer im Arbeitseinsatz waren, aber auch weil es keine Heizung mehr gab. Ich versuchte tagsüber den Hunger zu vergessen, indem ich Bücher las. Ich glaube, dass ich in diesem Hungerwinter mehr Bücher gelesen habe, als im Rest meines Lebens. Weil es keine Elektrizität gab, wurde abends ein primitives, selbst gebasteltes Öllämpchen angezündet. Als Brennstoff diente Nähmaschinenöl oder Lebertran. Das Öllämpchen gab nur wenig Licht und stank wie die Pest.

Die Deutschen hatten gerade die Fliegerbombe entwickelt, eine Art Rakete, die immer von anderen Lancierstellen in Richtung England abgeschossen wurde. Erst gab es die V1 und später die viel gefährlichere V2. Diese Raketen machten fürchterliche Geräusche. Schlimmer war es aber, wenn das Geräusch plötzlich aufhörte. Dann wusste man, jetzt fallen sie herunter. Dies passierte immer wieder, da die Projektile noch in der Entwicklung waren. Sobald wir eine V1 oder V2 hörten, flohen wir in die Ecke des Flurs, in der eine Treppe zu unseren Nachbarn hochführte und warteten bis das Geräusch abebbte. Erst dann waren wir wieder beruhigt. Wenn das Geräusch aber plötzlich aufhörte, überfiel uns eine fürchterliche Angst. Sobald wir den tröhnenden Einschlag hörten, wussten wir, dass wir verschont geblieben waren und dass das Projektil ein Haus in einer anderen Straße oder ein anderes Stadtviertel verwüstet hatte und wiederum Tote zu beklagen waren. Ich träumte immer wieder von frisch gebackenen Brötchen, dick mit Butter beschmiert und mit ganz vielen Schokoladenstreusel drauf. Es war für mich das Schönste, was es auf der Erde gab. Als ich dann erwachte, war der Hunger um so schlimmer. Dieser nagende Hunger, die tödliche Angst und die bittere Kälte werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen können. und dies gilt selbstverständlich für viele tausende meiner Landsleute.

Wie schön war es, als im April 1945 alliierte Flugzeuge anfingen Lebensmittelpakete abzuwerfen. Die Deutschen hatten schließlich zugestimmt. Ich erinnere mich an die Schwärme von Bombern, aus denen keine Bomben abgeworfen wurden sondern Fallschirme mit Lebensmitteln. Es gab plötzlich wieder Brot, Kekse, Butter, Käse und, was wir gar nicht kannten, Corned beef. Am 6. Mai waren wir endgültig von den Deutschen befreit und konnten wir feiern. Der Idiotismus war besiegt.

 

Überlegungen

Nachdem am 9. September 1943 die Landung der Alliierten bei Salerno stattgefunden und im Januar 1944 russische Truppen die Deutschen aus Leningrad vertrieben hatten, hätte es Hitler eigentlich klar sein müssen, dass der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen war. Als Repressalie gegen die Angriffe auf London hatte die Britische Luftwaffe (RAF) schon 1942 Köln bombardiert und 1943 Hamburg. Beide Bombardements hatten große Verluste für die Städte zur Folge und forderten viele Todesopfer.

Trotz allem wollte Hitler weiter machen und riskierte damit noch viel mehr Verluste. Immer wieder forderte er seine Offiziere und Soldaten auf bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen.

Das Städtchen Heusden hatte in den letzten Stunden der  Zweiten Weltkrieg viel zu leiden. Als die deutschen Besatzungstruppen im Herbst 1944 den Ort vor den Alliierten räumen mussten, sprengten sie das schöne alte Rathaus, in das sich viele Bürger der Stadt wegen der Beschießungen zurückgezogen hatten. Dabei kamen 134 Menschen ums Leben. Ein Kriegsverbrechen das nur wenigen bekannt ist. Wenige Stunden später wurde Heusden von den Allierten befreit. Das Rathaus ist übrigens nie wieder aufgebaut worden.
 

Erst am 20. Juli 1944 (viel zu spät natürlich) versuchten einige Offiziere Hitler zu beseitigen. Sie hatten endlich eingesehen, dass es kaum noch eine Chance gab. Das Attentat mit einer Zeitbombe misslang. Keiner der Offiziere hatte den Mut gehabt Hitler mit einem Pistolenschuss zu töten. In diesem Zusammenhang kann man die Palästinensischen Selbstmordattentäter eigentlich "bewundern". Diese opfern für ihr Ziel und im Interesse des eigenen Volkes, ihr eigenes Leben. Dies heißt nicht, dass ich mit diesen Aktionen einverstanden bin. Im Falle Hitlers wäre es aber wohl sinnvoll gewesen. Viel unnötiges Leid hätte man so verhindern können. Es wäre schließlich auch für Hitler eine gute Lösung  gewesen, denn er hätte sich kurz vor dem Ende des Krieges nicht selbst feige umbringen müssen.

Hitler nahm auf fürchterliche Weise Rache und dachte nicht daran mit dem wahnsinnigen Krieg aufzuhören. Es sollten noch Hunderttausende sterben müssen und noch viele Städte bombardiert werden. Komischerweise wurde noch immer "Heil Hitler" gerufen und bei den meisten Deutschen hielt sich erstaunlicherweise der Glaube an den Führer.

In den letzten Kriegstagen wurden sogar Jungen im Alter von 14 Jahren (also Kinder) in den Krieg geschickt. Eigentlich sind sie von ihren Eltern geopfert worden, denn die meisten dieser Kinder haben es nicht überlebt. Die alliierten Bombardements wurden aber in Deutschland kräftig kritisiert und sogar noch heute muss ich hören, "das wäre doch nicht notwendig gewesen.", wobei man vergisst, dass nicht die Alliierten, sondern allein "der Führer" dafür die Schuld trägt. Wenn er und seine Trabante eingesehen hätte, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, dann wäre auch dem deutschen Volk und seinem Militär viel Schlimmes erspart geblieben und es hätten die Bombardements auf so viele andere deutsche Städte nicht stattgefunden.

Sein Selbstmord war bestimmt für viele Deutsche eine Enttäuschung. Der Frust das "Ziel " nicht erreicht zu haben, muss groß gewesen sein und ist es, nach meiner Erfahrung, bei vielen älteren Leuten auch heute noch. Für jeden Deutschen ist der Krieg verloren worden, nur wenige wagen zu sagen "wir sind von einem Idioten betrogen und ins Elend gestürzt worden und sein Tot war für uns eine Befreiung." So gibt es in Deutschland auch keinen allgemeinen Feiertag, an dem man dem Alptraum des verlorenen Krieges bzw. der gewonnenen Freiheit gedenkt. Schade eigentlich!